
Nach Jahren der Forschung kämpfen
Wissenschaftler immer noch damit zu verstehen, wie das Leben auf unserem
Planeten begann. Obwohl es mehrere Hypothesen über den Ursprung des Lebens gibt,
existiert kein überzeugender Beweis der das eine Szenario wahrscheinlicher macht
als ein anderes.
Tatsächlich, wenn man sich chemische Systeme anschaut, gibt es nicht einmal eine
klare Definition darüber was “Leben” von “Nicht-Leben” unterscheidet.
Wissenschaftler sind sich aber einig darüber, dass Leben, egal wo im Universum,
drei grundsätzliche Eigenschaften miteinander teilt. Erstens muss Leben in der
Lage sein eine Identität für sich in Anspruch zu nehmen, die unabhängig vom
Umfeld ist. Bei den frühen Formen des Lebens auf der Erde war dies
wahrscheinlich ein Container, vielleicht Membran-Beutel oder –Sack, der die
Chemikalien enthielt.
 |
Viele der Zutaten für das Leben bildeten sich im
Weltraum. Die Erde bildete sich aus Sternstaub, und später lieferten
Kometen und Meteoriten weiteres Material auf unseren Planeten.
Wissenschaftler sind sich aber immer noch nicht sicher, welche Moleküle
die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Lebens spielten.
Image Credit: European Space Agency |
Zweitens, Leben isst (es wandelt um –
metabolisiert). Der Beutel mit Chemikalien muss in irgendeiner Art und Weise
Energie und Nährstoffe aufnehmen, um fortzubestehen. Für Menschen kann dies ein
Hamburger mit Pommes sein, aber für so etwas wie ein Bakterium, dass in einem
hydrothermalen Schlot lebt, kann das Mittagessen aus Schwefelwasserstoff
bestehen.
Schlussendlich, damit Leben fortbesteht, muss es Kinder haben. Leben muss seine
genetischen Informationen irgendwie mit der Zeit weitergeben. Wenn nicht wäre
ein Sack aus Chemikalien eine “Eintagsfliege”, eine Anomalie die einst lebte und
dann starb, ohne Spuren seiner Existenz zu hinterlassen.
Pascale Ehrenfreund, eine Professorin der Astrophysik an der Universität von
Leiden in Holland, untersucht den Nachthimmel nach Anzeichen für Leben. Im
Gegensatz zu SETI-artigen Suche mittels Radiosignalen, schaut sie nach
chemischen Zeichen für Leben. Es gibt 143 Arten von Molekülen im interstellaren
Medium und einige davon sind vielleicht wichtig für den Ursprung des Lebens –
nicht nur in unserem eigenen Sonnensystem, sondern im gesamten Universum.
In einem
Artikel der im der Zeitschrift
Astrobiology
veröffentlicht wurde, schlagen Ehrenfreund und ihre Kollegen vor, dass
Polycyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs), organische Moleküle die man
überall im Weltraum findet, vielleicht eine entscheidende Rolle bei der
Entstehung von Leben gespielt haben.
Diese Moleküle aus Kohlenstoff und Wasserstoff werden aufgrund ihrer zahlreichen
Schleifen von Kohlenstoffatomen „polycyklisch“ genannt, und „aromatisch“ wegen
der starken chemischen Bindung zwischen den Kohlenstoffatomen. PAKs finden sich
auf der Erde überall dort wo Materialien aus Kohlenstoff unvollständig verbrannt
werden – in den Abgasen von LKWs genauso wie in der schwarzen Schmiere eines
verrußten Grills.
In diesem Interview mit
Leslie
Mullen
vom Astrobiology Magazin, erklärt Ehrenfreund wie PAKs vielleicht die drei
Eigenschaften geliefert haben könnten, die für die Entstehung von Leben
notwendig waren.
 |
Pascale Ehrenfreund
von der Universität in Leiden. Photo Credit: Leslie Mullen |
Astrobiology Magazine (AM):
In Ihrer Arbeit suchen Sie nach Chemikalien im Weltraum und in
Meteoriten und finden dabei die Grundstoffe, mit denen das frühe Leben arbeitete.
Pascale Ehrenfreund (PE):
Wenn Sie sich die moderne Biochemie anschauen finden Sie, dass die drei
Hauptkomponenten für zelluläre Systeme Nukleinsäuren, Proteine und Membranen
sind. Einige dieser Bausteine findet man im Weltraum.
Das meiste pre-biotische Material findet sich in kohlenstoffhaltigen Meteoriten,
wobei es auch Hinweise auf einige komplexe Moleküle in der Gasphase des
interstellaren Mediums gibt. Zum Beispiel gibt es Hinweise auf einfache
Zuckermoleküle wie Glykolaldehyd und die einfache Aminosäure
Glycin.
Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies etwas mit dem Ursprung des Lebens zu tun
hat.
Das interstellare Medium bietet die Bausteine für die Planeten- und
Sternenbildung. Im Sonnennebel laufen zahlreiche chemische Prozesse ab. Die
Bildung des Sonnensystems war ein dynamischer Prozess – Material wurde neu
ausgerichtet, zerstört, getrennt und neu gebildet. Es gibt offene Fragen
bezüglich der Turbulenz – wie viel Material vermischte sich mit den äußeren
Schichten und kehrte dann zurück. In Kometen finden wir kristalline
Silikate,
die nur aus der Nähe eines sich formenden Sterns stammen können. Aber da Kometen
in den äußeren Bereichen des Sonnensystems entstehen, muss es eine Diffusion des
Materials gegeben haben – eine Mischung von Innen und Außen.
AM:
Dies war eines der Ergebnisse der
Stardust Mission,
richtig? Man entdeckte, dass der Kometenstaub Material enthielt, dass sich nur
in den heißen Regionen, nahe der Sonne, gebildet haben konnte.
PE:
Dies wussten wir bereits vor Stardust – wir hatten früher solche Hinweise in
interstellaren Staubteilchen gefunden. Aber ich bin sicher, dass Stardust unser
Wissen diesbezüglich beweisen wird.
 |
Interstellares
Staubteilchen. Credit: UWSTL, NASA |
Wenn man sich pre-biotische Komponenten wie
Aminosäuren,
Kernbasen
und einfachen Zuckern anschaut sieht man, dass sie Probleme haben Hitze und
Strahlung zu widerstehen. Wenn solches Material also irgendwo in der Gasphase,
wie dem interstellaren Medium, gebildet wurde, hätte es immer vor hoher
Temperatur und Strahlung geschützt sein müssen, während es an der Bildung des
Sonnensystems beteiligt war. Es ist wahrscheinlich, dass große Teile des
Materials jedoch irgendeiner Art von Energie ausgesetzt waren.
Schaut man sich Meteoriten an, wo sie eine Festkörperchemie sehen die flüssiges
Wasser beinhaltet, findet man über 80 verschiedene Aminosäuren. Sie finden auch
Purin,
Pyrimidin,
einfache Zucker und Kernbasen in Meteoriten. Es gibt keine Lipide, allerdings
findet man Komponenten, die einen sehr einfacher Container bilden können – zum
Beispiel
Alkane,
Karbocyklische Säuren, die Komponenten von Membranen sind. Meteoriten sind eine
Art Kristallkugel für komplexe organische Chemie.
Wir wissen nicht ob dieses Material wirklich wichtig war für den Ursprung des
Lebens. Aber da wir wissen, dass es außerirdischen Ursprungs ist und intakt auf
der jungen Erde ankam, haben wir ein Beispiel für ein Material, dass wichtig für
die weitere Verarbeitung gewesen sein könnte und vielleicht für eine Erhöhung
der Komplexität gesorgt hat.
Vielleicht sollten wir den Molekülen der modernen Biochemie nicht zuviel Kredit
dafür geben die ultimativen Materialien gewesen zu sein, welche das Leben
formten. Die Temperatur- und Strahlungsbedingungen auf der jungen Erde
verbesserten sich nach ein paar hundert Millionen Jahren merklich, und am Anfang
war es eine zu feindliche Umgebung, damit sich Aminosäuren zu Proteinen
zusammensetzen konnten. Man benötigte vielleicht eine andere Art von Material,
dass viel stabiler war.
AM:
Und in Ihrem neuen Artikel schlagen sie vor, dass Polycyklische Aromatische
Kohlenwasserstoffe – PAKs – dieses stabile Material gewesen sein könnten, dass
wichtig war für die Entstehung des Lebens.
 |
Polycyklischer
Aromatischer Kohlenwasserstoff. Credit: NASA/Caltech |
PE:
Ja. Wir fanden komplexe aromatische Kohlenstoffringe im interstellaren Medium,
in Kometen und Meteoriten. Dieses makromolekulare Material ist sehr stabil gegen
jede Art der Degeneration, inklusive Strahlung. Es wird vielleicht modifiziert,
aber nicht vollständig zerstört. Selbst wenn es zerbrochen wird, stehen die
Teile für zukünftige chemische Prozesse zur Verfügung. Wenn Aminosäuren
beispielsweise durch ultraviolette Strahlung zerstört werden, bleibt nichts von
ihnen übrig.
Die kohlenstoffhaltigen Meteoriten enthalten etwa drei Prozent Kohlenstoff,
höchstens. Von diesen drei Prozent sind 80 Prozent in aromatische Netzwerken
eingebunden. Das aromatische Material ist also reichlich vorhanden und sehr
stabil – es ist stabil gegen Hitze, es ist teilweise unlöslich und recht
widerstandsfähig gegen Strahlung. Aus diesem Grund denken wir mittlerweile, dass
dieses Material auf der jungen und sehr unwirtlichen Erde, wichtiger war als es
bisher angenommen wurde.
AM:
Wozu können PAKs werden? Gibt es nur spezifische chemische Wege,
oder können sie die Basis für eine Vielzahl unterschiedlicher Moleküle sein?
PE:
Polycyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe können genutzt werden um einfache
Membranstrukturen aufzubauen. Max Bernstein, von NASAs
Astrochemistry Lab,
versucht
Mizellen
oder Blasen aus PAK Derivaten herzustellen to. |
Der Murchison Meteorit fiel am 28. September
1969, nahe Australien auf die Erde. Dieser kohlenstoffhaltige Meteorit
enthält Mineralien, Wasser und komplexe organische Moleküle wie Aminosäuren. Credit: NASA
|
PAKs
können auch Photosensibilisatoren sein, weil sie eine Verschiebung der Ladung
von Plus nach Minus durchführen können. Sie können also als eine metabolische
Komponente für Energieumwandlung genutzt werden. Meine Co-Autoren Steen
Rasmussen und Liaohai Chen, von den Los Alamos und Argonne National
Laboratories, nutzen Komponenten, die den Polycyklischen Aromatischen
Kohlenwasserstoffen ähnlich sind, als metabolische Komponenten für das
Los
Alamos Protocell Assembly Project.
Das
PACE
Project
der Europäischen Gemeinschaft nutzt ebenfalls PAKs auf diese Art und Weise.
Nicholas Platts, vom Carnegie Institution in Washington, hat vorgeschlagen, dass
durch die
Stapelung von PAKs,
etwas einer Nukleinsäure Ähnliches gebildet werden kann.
Pier
Luigi Luisi,
von der RomaTre University, hat versucht PAK in diesem Kontext zu stapeln.
In unserem Artikel schlagen wir vor, dass aromatisches Material als Container,
als metabolische Einheit und als genetischer Informationsträger genutzt werden
kann. Wir denken, dass aromatisches Material für alle drei Bedingungen des
Lebens genutzt werden kann.
Was wir
versucht haben in unserem Artikel herauszuarbeiten ist, dass man alle drei
Bedingungen gleichzeitig erfüllen muss. Man kann nicht eine Komponente haben um
etwas zusammenzusetzen und später einfach etwas hinzufügen, um weitere
Funktionalitäten zu erhalten. Sie müssen von Anfang an kombiniert sein – Leben
benötigt eine Identität, es benötigt Energie und es muss in der Lage sein sich
zu reproduzieren und weiterzuentwickeln. Darum sind PAKs vielleicht so mächtig,
weil man mit diesen aromatischen Komponenten alle drei Funktionen gleichzeitig
erfüllen kann.
AM:
Werden PAKs derzeit in modernen Systemen genutzt?
| |
Rote Gebiete in den
Spiralarmen stehen für Infrarotemissionen von staubigeren Teilen der
Galaxie, in denen sich neue Sterne bilden. Credit: NASA/JPL-Caltech/S. Willner (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics)
|
PE: Nur in Form von
Kernbasen, die Ringstrukturen mit
Heteroatomen
und Seitengruppen sind. Aber es gibt eine Menge aromatischer Moleküle – die
nicht direkt PAKs sind – die eine Funktion im Leben haben, insbesondere bei
metabolischen Prozessen.
AM:
Wir sind nicht sicher wie die Umgebung der jungen Erde aussah –
ob es kalt oder heiß war. Würde das einen Unterschied machen?
PE:
Für PAKs würde es kaum einen Unterschied machen. PAKs
würden Temperaturschwankungen und Strahlung viel besser widerstehen als Zucker,
Aminosäuren oder andere typische Komponenten der Biochemie. Hätte man auf der
jungen Erde hohe Temperaturen gehabt, hätten sich keine Zucker bilden können
oder wären zerfallen. Aminosäuren reagieren ebenfalls empfindlich auch Hitze,
ebenso wie einige der Kernbasen. Kernbasen sind eine Art PAK, aber der
Stickstoff im Ring macht sie instabiler als die echten PAKs. Sie sind sicherlich
alle viel anfälliger für Strahlung als aromatisches Material, was unser Co-Autor
Jim Cleaves untersucht hat.
Die Polycyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe sind die am häufigsten
vorkommenden freien, organischen Moleküle im Weltraum. Und das All ist ganz
sicher weniger komfortabel als die Erde, da es dort keine schützende Atmosphäre
gibt. Das zeigt, dass sie wesentlich besser überleben können als jedes andere
Material.
AM:
Diese Idee macht deswegen soviel Sinn, weil es wahrscheinlicher
aussieht, dass Leben aus den häufigsten und robustesten Materialien, die
vorhanden waren, entstand, und nicht aus zerbrechlichen Materialien, die Schutz
oder spezielle Bedingungen benötigten.
 |
Einige der Zutaten für Leben werden
in den Sternenfeldern im All produziert. Credit: NASA/STScI/ESA |
PE: Das ist auch meine
Meinung. Aminosäuren bilden sich recht einfach – sie sind überall – und weil sie
so einfach gebildet werden, bin ich mir sicher, dass sie später eine wichtige
Rolle spielten. Ich denke aber auch, dass es logischer wäre, dass sie in
lebenden Systemen eine Rolle spielten, als die Zeit für sie günstig war. Ich
persönlich glaube nicht, dass diese Art von Material der Grundbaustein für das
Leben war.
AM:
Glauben Sie, dass PAKs die Basis für Leben auf jedem Planeten
darstellen, da sie ja so robust sind? Dass ein Planet keine erdähnlichen
Bedingungen benötigt, um Leben hervorzubringen?
PE:
Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Es
ist wesentlich wahrscheinlicher als einige zerbrechliche Komponenten zu haben,
die weniger häufig vorkommen. Der Anfang des Lebens muss auch einfach sein.
Nukleoside
sind nicht einfach. Wir haben auch nach 50 Jahren chemischer Experimente immer
noch große Schwierigkeiten sie im Labor herzustellen! Ich denke wir müssen für
den Anfang mit etwas ganz Einfachem beginnen, dass unter vielen verschiedenen
Bedingungen funktioniert.
Diesen
Artikel weiterempfehlen
|